Auch auf der Berlinale 2009 hat der Bundesverband Regie wieder eine spannende Podiumsdiskussion zu einem zukunftsweisenden Film- oder Medienthema durchgeführt.
In diesem Jahr ging es um nicht mehr bzw. weniger als um das KINO VON MORGEN, also um den Film im Zeitalter seiner digitalen Produzier- und Rezipierbarkeit.
Es diskutierten
die Regisseure Jo Baier, Dennis Gansel, Marco Kreuzpaintner
mit Cay Wesnigk (online-Film AG),
Martin Hoffmann (MME Moviement).
Moderation: Rolf Silber,
Key-Note: Prof. Dr. Gerhard Pfennig (VG Bild-Kunst)
FILM IM ZEITALTER SEINER (RE-) PRODUZIERBARKEIT
DIE BERLINALE-PODIUMSDISKUSSION DES BVR 2009
Die Praxis der Verwertung von AV-Werken holt mittlerweile die Theorie ein (die Walter Benjamin bekanntlich bereits 1936 mit seinem berühmten „Kunstwerk im Zeitalter der technischen Repro-duzierbarkeit“ begründete). Mit dieser medien-theoretischen Grundeinordnung eröffnete Prof. Dr. Gerhard Pfennig (geschäftsführender Vorstand VG Bild-Kunst) in seiner Keynote die traditionelle Berlinale-Diskussion des BVR. Er dürfte damit recht haben.
MEDIEN- UND AUTORENTHEORIE
Digital produzierte und verbreitete Werke entziehen sich tendenziell der lange üblichen Kunstwerk-Kommunikation. Die sog. peer to peer-Nutzung weist immer stärker anonyme und ungerichtete Züge auf. Veränderungen und Überschreibungen im Zuge der Aneignung eines digital verbreiteten Werkes werden ebenso üblich wie Verstüm-melungen und unerlaubte Werkbearbeitungen.
Ist der Regisseur als zentraler Urheber eines AV-Werkes und vielleicht auch der Zuschauer damit „Verloren in den Pixeln“, wie der Titel der Veranstaltung provokativ fragt? Wird damit die geistesschöpferische Formkraft von Autor und Regisseur in der digitalen Produktion und Materialität zum beliebig verwendbaren Pixel-Steinbruch?
Auswirkungen hat die digitale Technik unübersehbar auf die Verbreitungswege und -arten. Das wiederum wird sich wohl bald auch auf die Vergütungen für die Urheber auswirken. Prof. Pfennig deutete das an und skizzierte als Alternative eine verstärkte Wahrnehmung kleinteiliger, digital versplitternder Erstrechte durch Verwertungsgesellschaften. Die individuelle Wahrnehmung von Rechten im Internet verbreiteter Werke dürfte für den Urheber kaum noch möglich sein. Ein Grund dafür ist: Während in einem Museum oder in einem Kino Eintritt gezahlt wird, ist das im Internet so gut wie unbekannt. Es herrscht ohne Unrechtsbewusstsein eine weit verbreitete Hacker-Mentalität, die nur mühsam vielleicht mit Pauschalen für die private Überspielung oder aber mit individuellen Zugangsbarrieren und Einzeltarifen zu begrenzen sein wird.
Große Medienkonzerne, soweit sie auch als Server oder Plattformanbieter tätig sind, die sonst Piraterie als Angriff auf ihr Eigentum brandmarken, schauen dem vermeintlich informationsdemokratischen Anspruch auf freie Nutzung eines jeden digitalisierten Werkes bisher weitgehend ungerührt zu. Selbst öffentlich-rechtliche Anstalten gehen zur Zeit davon aus, dass die Einstellung von Fernsehwerken in ihre Mediatheken mit einer einmal gezahlten Vergütung für die Erstsendung abgegolten ist.
Diskussionsleiter Rolf Silber versprach eine Tour d’Horizon durch das überaus komplexe Thema „Film und Digitalität“. Er umriss einleitend den ungeheuren Veränderungsprozess, bei dem eine ursprüngliche Verbreitungstechnologie tief in die Ästhetik und Ökonomie der AV-Werkproduktion einschneidet.
PRODUKTION
Die erste Diskussionsebene beschäftigte sich mit dem für Regisseure nahe liegenden Bereich der neuen digitalen Werkproduktion. Jo Baier erkannte in der von Gerhard Pfennig und Rolf Silber skizzierten Entwicklung auch ästhetisches Entwicklungspotential für den Film. Digitale Bildproduktion erweitere die Möglichkeiten, es könne Hochglanz genauso gedreht werden wie schmutzige Bilder, Tricks genauso wie messerscharfe Realbilder. Als Regisseur verfüge er nun beim Dreh sofort über das Endprodukt, könne sogar die Belichtung am Monitor einstellen und erreiche damit eine maximale Kontrolle über die aufgenommenen szenischen Bilder.
Skeptischer war der jüngste der teilnehmenden Regisseure. Marco Kreuzpaintner, der bei seinem Erfolgsfilm „Krabat“ mehr als 400 VFX-Effekte einzuarbeiten hatte, artikulierte ein noch vorhandenes Misstrauen bezüglich digitaler Bilder, resultierend aus dem Wissen um deren grundsätzliche Manipulierbarkeit. Authentische Bilder hat es wahrscheinlich nie gegeben. Jetzt scheint diese Differenz groß zu sein wie nie.
Die digitale Kameratechnik gewähre zwar zunächst eine etwas größere Freiheit in der Komposition von Bildern. Doch deren sofortige Verfügbarkeit verführe auch zum schnellen Gebrauch. Das genaue Hinsehen auf ein Bild leide, auch aufgrund der ungebrochenen Inflation schnell gemachter und immer wieder bearbeiteter Bilder. Zudem sehe er in der Bearbeitungsfähigkeit eine stärkere Eingriffsmöglichkeit für Produzenten. Das könne auch auf Kosten der Bilder, der szenischen Gestaltung, der gewählten Schnittrhythmen und Erzählbögen, mithin der Ästhetik des Regisseurs gehen.
Der Medienjournalist Andreas Wirwalski wies darauf hin, dass die Kosten digital bearbeiteter Bilder zur Zeit keineswegs geringer sind als für analoge Filmbilder. Zwar gebe es eine große Produktkonkurrenz der bekannten Kamerahersteller. Die Aufnahmetechnik sei aufgrund der riesigen Festplattenspeicher, die benötigt werden, noch ziemlich unhandlich. Die ARRI D 21 ist, so ergänzt Jo Baier, in den Materialkosten nicht billiger als 35 mm-Film. Allerdings seien höhere Drehverhältnisse etwas kostengünstiger möglich. Die Schärfentiefe sei mittlerweile befriedigend, auch wenn sie noch nicht die Möglichkeiten spezialisierter Objektive erreicht. Kreuzpaintner warf ein, er fühle sich als Regisseur nun auch als Techniker gefordert, das Hocken vor dem Monitor könne das Inszenieren am Set beeinträchtigen.
Regisseur Dennis Gansel meinte, im Internet sei die Differenzierung der Produkte und Produktbreiten das Interessante. Hier könne alles ausprobiert werden. You tube sei ein gutes Beispiel dafür. Letztlich würde sich auch hier die Qualität der Werke durchsetzen. Das sei bei den jungen Leuten nicht anders als bei den alten. Dass wohl mehr als die Hälfte der Inhalte von you tube ungesetzlich und anonym eingestellt worden sind, blieb unerwähnt.
Gansel vertrat die Auffassung, dass gerade auch die kleinformatigen, mit einfachen Mitteln digital hergestellten Filme im Internet sehr wohl erzählen wollten, wenn auch mit anderen, viel fragmentarischeren Mitteln. Erzählen ist für ihn im digitalen Zeitalter so wichtig wie nie, auch wenn es gebrochener, verschlungener und dramaturgisch unzuverlässiger daher kommt als im klassischen Kino.
VERWERTUNG
Der Dokumentarfilmer und GF des selbst verwalteten video-on-demand-Anbieters online Film AG, Cay Wesnigk, leitete dann auf die nächste Stufe der digitalen Verwertung über. Er wies auf die besondere Macht der Plattformanbieter hin, die gewissermaßen das Nadelöhr für den Markteintritt bieten. Zwar gebe es im Internet grundsätzlich die Möglichkeit, dass jeder eine Plattform anbiete, also dass jeder IT-Kundige ein Sender wird (und sich damit auch Bertolt Brechts Radiotheorie zu verwirklichen scheint). Aber dies würde letztlich wenig für die Praxis bedeuten. Da nur die großen Plattformen in nennenswerter Weise Nutzungen generieren.
Gerade spezialisierte Anbieter können sich in den Weiten des weltweiten Netzes verlieren, wenn sie keiner im digitalen Dschungel findet, sieht die hier angebotenen Filme auch niemand. Sie würden damit das Schicksal etwa mit Mini-Verlagen teilen oder gar auf das Niveau der individuellen (Brief-) Botschaft zurückgeworfen.
Produzent Martin Hoffmann (MME Entertainment), der gerade eine eigens für das Internet produzierte Serie ins Netz gestellt hat, unter-strich ebenfalls die Wichtigkeit eingeführter großer Plattformanbieter. Da die aber keine Lizenzgebühren oder Produktionskosten-Zuschüsse für die Einstellung eines Werkes zahlen, war er in der Finanzierung seines fiktionalen Webkontents völlig auf Werbepartner angewiesen (in diesem Fall den Otto-Versand, wo man die von den Figuren getragene Kleidung durch Klick auch gleich ordern kann). Dieses völlig offen zu Tage tretende product placement ist so im TV nicht (mehr) möglich und wäre im Kinofilm unerschwinglich teuer.
Trotzdem sei die Finanzierung aufwändiger Filme nur für das Internet sehr schwierig. Hoffmann prognostizierte, dass das viel ge-scholtene und von den neuen Medien bedrängte Fernsehen in seiner Nutzerzahl stabil bleiben werde. Und auch der Kinofilm werde weiter existieren. Das Internet sieht er vor allem als Medium komplementärer Nutzungen. Es sei ein Medium des Konvergenten, nicht des Originären.
Aus dem Publikum brachte der Autor Fritzkarl Stumpf die momentane Situation des Films im digitalen Zeitalter auf den Punkt: Zur Zeit kreise die Diskussion nur vordergründig um die Technik, kaum um die Ästhetik, die eventuell daraus neu hervorgeht und die sich bisher vor allem im Sampling, in Ausradierungen oder Überschreibungen, also im Zerstören von originären Werken austobe. Zentrales Anliegen der Medienkonzerne sei zur Zeit das Besetzen von digitalen Zugängen, insbesondere der Nadelöhre, die von den großen Plattform-Anbietern besetzt gehalten werden.
Wichtig sei vor allem, Zielgruppen an sich binden zu können. Also das Publikum abermals massenhaft zu organisieren, und ihm dabei das Gefühl zu vermitteln, es würde sich individuell
und frei bewegen, während es sortenrein für die Kampagnen der zahlenden Werbewirt-schaft aufbereitet wird.
JÜRGEN KASTEN
DIE DIGITALE UTOPIE?
EINE DISKUSSION IN BERLIN ZUR ZUKUNFT DES KINOS
Zwischen Angst und Hoffnung – so könnte man die Statements und Wortbeiträge der Podiumsdiskussion kennzeichnen, die unter dem Titel „Das Kino von morgen – Verloren in den Pixeln? Der Film im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit“ vom Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure veranstaltet wurde.
Die Assoziation zu Walter Benjamins berühmtem Titel war offensichtlich mit Absicht gewählt. Es ist nicht mehr nur die Frage zwischen klassischem Zelluloid und elektronischer Bildaufzeichnung und Projektion, sondern auch nach den Veränderungen, die das Internet als Möglichkeit und Gefahr bietet oder erzwingt – wobei Gefahr auch Piraterie bedeutet.
Der Produzent Martin Hoffmann, der eine Soap-Opera für das Internet produziert hat, sah in den Plattformen bei aller Gefahr aber auch die Möglichkeit des Zugangs zum Publikum, in seinem Fall die Verbindung zu bild.de, die einen massenhaften Aufruf ermöglicht hätte. Allerdings verkompliziere sich die Finanzierung. Werbung für den Film falle weitgehend weg. Die Plattform beteilige sich nicht an der Finanzierung. Den Ausweg bot das Zusammengehen mit dem Otto-Versand. In einer neuen Form des Product-Placements hätten die Zuschauer die getragene Kleidung per Klick gleich beim Versandhaus bestellen können. Aufwendige Produktionen nur für das Internet hätten aber keine Chance.
Auch Dennis Gansel (DIE WELLE) konnte dem Internet positive Aspekte abgewinnen. Es erlaube eine ungeahnte Differenzierung und biete die Möglichkeit des Ausprobierens. Auch hier würde sich Qualität durchsetzen, wie man bei Youtube sehen könne. Das Erzählerische ginge nicht verloren, sondern verändere sich in Richtung Verknappung und Fragmentarisierung.
Für manche überraschend waren die Ausführungen Jo Baiers, der der elektronischen Aufnahmetechnik sehr positiv gegenüberstand. Die digitalen Bilder erweiterten den ästhetischen Kanon zwischen Hochglanz und schmutzigen Bildern, erlaubten maximale Kontrolle von Bildqualität und Inszenierung.
Kritischer sah das der Jüngste der Runde, Marco Kreuzpaintner, der sich bei elektroni-scher Produktion zu sehr als Techniker denn als Regisseur sah. Die Bearbeitungsmöglichkeiten erlaubten in hohem Maße Eingriffe von Produzenten und anderen.
Aufgeräumt wurde von allen mit dem Mythos der geringeren Kosten. Gute elektronische Kameras seien genauso teuer wie klassische Filmkameras und die Kosten für Festplattenkapazitäten würden unterschätzt.
BODO SCHÖNFELDER
In: epd Film 4/2009