Wie ist diese Situation entstanden? Durch den Boom der Medienbranche in den vergangenen Jahren stieg die Nachfrage nach Regieassistenten aus dem einfachen Grund, weil mehr produziert wurde, an.
Da es für den Beruf der Regieassistenz keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg gibt, wurde und wird der anfallende Bedarf zunehmend mit immer wieder neuen Leuten, denen oft ein entsprechendes Know-How und Erfahrungswissen fehlt, gedeckt. Bei der Einstellung eines Regieassistenten werden keinerlei besondere Qualifikationen, außer eventuell die Vorlage einer Filmographie, verlangt. Oft reicht das Wort eines Regisseurs, der aus den verschiedensten subjektiven Gründen mit einem Assistenten arbeiten möchte, aus, damit dieser Assistent die Anstellung bekommt. Ob dieser auch in der Lage ist, sinnvoll mit der Produktionsabteilung zu kooperieren, wird nicht hinterfragt. Genauso kann es passieren, dass einem Regisseur ein Assistent aufgedrückt wird, der der Produktion genehm ist – ohne zu berücksichtigen, ob dieser Assistent auch den Belangen des Regisseurs gerecht werden kann.
In Deutschland reicht es zum Teil immer noch aus, nur die Freundin oder Bekannte eines Regisseurs oder Produktionsleiters zu sein, um einen Job als Regieassistentin zu bekommen. Begabte Praktikanten und andere Berufsanfänger haben ebenso, wenn sie im richtigen Moment bei einer Produktion mit den richtigen Worten vorsprechen, diesbezüglich gute Karten.
Regieassistenten, die sich zu billigen Gagen verkaufen und der Produktion das Angebot machen, auch noch die Anschlüsse mit zu übernehmen, haben ebenfalls gute Chancen auf dem Markt. (Diese Leute fallen letztendlich allen im Verband organisierten Continuities in den Rücken. Die Produktion spart die Gage für das Continuity. und es wird ein Zustand aufrechterhalten den es so in keinem anderen filmproduzierenden Land gibt, nämlich der, dass der Assistent sich auch noch mit den Anschlüssen beschäftigt.)
Motivation für viele, die viel zu früh als Regieassistent engagiert werden, diese Tätigkeit auszuüben, sind teilweise der ‚coole” Job und schnelles Geld, aber auch die (zum Teil falschen) Hoffnungen, auf diesem Wege möglichst bald in die Regie zu kommen, oder aber die (durch die deutschen Produktionsumstände bedingten) frustrierenden Jobs des Script-Continuity oder des Setaufnahmeleiters schnell hinter sich zu lassen.
Ob ein Regieassistent gute oder schlechte Arbeit leistet, stellt sich erst nach und nach im Verlauf einer Produktion, während der Arbeit heraus. Ein Sachverhalt, der auch für die Ersten Aufnahmeleiter gilt. (Im Gegensatz dazu sieht man z.B. bei Kameraassistenten oder Maskenbildnern bereits nach einem Drehtag, ob diese ihr Handwerk verstehen.)
Ein Phänomen in der Branche besteht darin, dass zum Teil ein schlechter Assistent, der billiger ist, lieber genommen wird als ein guter, dessen Gage etwas höher liegt. Da es Ersterem an fachlichem Know-How fehlt, um problematische Sachverhalte, die im Verlauf einer Produktion entstehen können, kritisch zu hinterfragen, sind solche Leute in der Regel zunächst bequem und ökonomisch günstig. Diese ‚billigeren” Leute können aber auch sehr schnell zu sehr teueren Mitarbeitern werden, da die Fehler, die sie – bedingt durch mangelndes Know-How – verursachen, die Produktion viel Geld kosten können. (Ein lächerlicher Sachverhalt, da es dabei in der Regel um wenige Euro geht, vergleicht man im Gegensatz dazu, wieviel Geld bei Produktionen durch schlechte Planung und mangelhafte Vorbereitung rausgeschmissen wird.)
Gute Regieassistenten verfügen in der Regel über einen soliden Ausbildungshintergrund, abgeschlossene Berufausbildung oder Studium und über einen umfangreichen Erfahrungsschatz an Produktionen. Das Qualifikationsniveau guter Regieassistenten ist oft auch wesentlich höher als das der Ersten Aufnahmeleiter. Hieraus ergibt sich ein weiteres Phänomen, dass es den Ersten Aufnahmeleitern, die immer in einer latenten Konkurrenz zu den Regieassistenten stehen (wer hat wem was zu sagen), nicht unbedingt daran gelegen ist, sich einen Regieassistenten ins Nest zu holen, der möglicherweise erfahrener ist und systematischer arbeiten kann als sie selbst.
Manchmal ist auch das Berufsbild eines Regieassistenten den anderen am Film Mitwirkenden unklar, bzw. es gibt kein klares inhaltliches Verständnis von diesem Beruf. Sogar Regisseure wissen oft nicht, wie eine sinnvolle Aufgabenverteilung zwischen Regieassistenz und Regie aussehen soll. (Die Fachgruppe hat mehrmals – leider erfolglos – versucht, innerhalb des Verbandes zu diesem Thema einen fruchtbaren Dialog anzuregen.) Immer wieder hört man auch von Regiekollegen, die es vorziehen, mit einem weniger erfahrenen Assistenten zu arbeiten, damit ihre eigene Kompetenz nicht in Frage gestellt wird. Erfahrenen Regieassistenten geht es allerdings selten darum, die Kompetenz eines Regisseurs in Frage zu stellen. Nobody is perfect und jeder macht auch mal einen Fehler. Es geht lediglich darum, auf möglichst gute Weise einen guten Film herzustellen, indem alle kreativ kooperiern und jeder sein Know-how zur Verfügung stellt. Wer die Chance hat, mit erfahrenen Leuten zu arbeiten, sollte dies positiv nutzen und für sich daraus lernen.
Wenn allerdings Regieassistenten mit Ambitionen auf die Regie während der Arbeit einem Regisseur permanent meine, beweisen zu müssen, dass sie selbst ein mindestens ebenso guter Regisseur sein könnten, dann ist dies eine unprofessionelle Haltung eines Regieassistenten, der seinen Job nicht versteht. Der Regieassistent ist der Vermittler zwischen Produktion und Regie. Seine Hauptaufgaben sind das Weitergeben von Inhalten an alle Beteiligten der verschiedenen Abteilungen einer Produktion, das Organisieren von Vorbereitungs- und Dreharbeiten und das Kontrollieren der einzelnen Abteilungen hinsichtlich der Drehvorbereitungen. Während der Vorbereitungszeit fallen dazu auch noch die üblichen Listen an.
Neben einer umfassenden Allgemeinbildung und einem speziellen Wissen, was die Filmherstellung und deren Organisationsstrukturen anbelangt, ist die kommunikative Kompetenz, über die ein Regieassistent verfügen muss, ein Faktor von entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig sollte ein Regieassistent in der Lage sein, sowohl mit seinem Regisseur und Produktionsleiter, ebenso wie mit anderen Teammitgliedern nicht nur über organisatorische Belange, sondern auch über Inhalte sinnvoll reden zu können.
Das Wissen, das ein Regieassistent braucht, um sich Regieassistent zu nennen, kann vielleicht zu 50 Prozent im Rahmen von Weiterbildungskursen vermittelt werden. Diese Kurse können jedoch in keinem Fall die notwendige Praxis ersetzen, die man ebenfalls braucht, um diesen Beruf ernsthaft und qualifiziert auszuüben. So muss man etwa in Amerika mehrere Jahre als 3rd und 2nd Assistant gearbeitet haben, bevor man sich offiziell 1st Assistant nennen darf. Das Unwissen Vieler, die in Deutschland vor allem mit der organisatorischen Seite der Filmproduktion zu tun haben, ist immer wieder erstaunlich und führt zu überflüssigem Energie- und Zeitverlust, ebenso wie zu sinnlosen Konflikten und Auseinandersetzungen. Keiner will Fehler zugeben um ‚sein Gesicht nicht zu verlieren” oder auch aus Angst, den nächsten Job nicht zu bekommen. Sündenböcke werden gesucht; es wird nicht ehrlich miteinander geredet um ein Problem zu lösen; Gerüchte entstehen hintenherum und eine ursprünglich angenehme Arbeitssituation schlägt früher oder später, auch bedingt durch den Zeitdruck, in ihr Gegenteil um. Um diese psychologischen Prozesse durchschauen und einschätzen zu können, ist ein längeres Erfahrungswissen vonnöten, das nur in der Praxis erworben werden kann.
Fortbildungsangebote
Um der deutschen Nichtqualifikation auf dem Gebiet der Regieassistenz entgegenzuwirken, wurden bisher von mir Lehrgänge für unterschiedliche Träger in unterschiedlichen Rahmen entwickelt.
Die Lehrgänge geben Berufseinsteigern die Möglichkeit, sich umfassend über das Berufsfeld und die Tätigkeiten eines Regieassistenten zu informieren. Gleichzeitig können beruflich tätige Regieassistenten ihr Wissen vertiefen; auf bestehende Problemfelder wird aufmerksam gemacht und eine gegenseitiger Erfahrungsaustausch ermöglicht. Die Lehrgänge erheben nicht den Anspruch, jemanden zum Regieassistenten zu qualifizieren, dem das nötige Erfahrungswissen fehlt.
Den Kursen liegt jeweils ein didaktisches Konzept zugrunde, welches unter anderem das aktive Lernen der Teilnehmer unterstützt und fördert und das kritische Verständnis für die Gesamtzusammenhänge der Branche schärfen soll. Die Zielsetzung in allen Kursen besteht darin, den Interessenten für den Beruf des Regieassistenten folgendes zu vermitteln:
Hintergrundwissen über die Branche, und ihre Strukturen, um Arbeitsabläufe und Verhaltensweisen einzelner Mitarbeiter besser zu verstehen;
detaillierte Informationen zu den verschiedene Berufsbildern der Branche;
praktische und praxisnahe Übungen zu den verschiedenen Aufgabengebieten eines Regieassistenten;
Erkennen von Kommunikations- und Konfliktstrukturen;
Team- und Kooperationsfähigkeit;
differenzierte Einschätzung der Aufgabenteilung zwischen Regie, Regieassistenz und Aufnahmeleitung;
kritische Selbsteinschätzung der Eignung für diesen Beruf.
Bisher wurden von mir konzipiert und geleitet:
Filmhaus Hamburg medien und kulturarbeit:
3-Tage-Intensivkurs und halbjährige Weiterbildung mit 11 Wochenendmodulen. (Kurs für Selbstzahler.)
www.medienundkultur.hamburg.de
Institut für Schauspiel Berlin:
10-Wochen-Kurs: eine Woche Intensivunterricht, anschließend 8 Wochen täglicher Unterricht im Rahmen des Gesamtkonzeptes des Kurses. (Dieser Kurs wird vom Arbeitsamt bezahlt.)
Institut für Schauspiel an der City VHS Mitte von Berlin
www.city-vhs.de
Institut für europäische Medienbildung in Köln:
1-Jahres-Kurs zusammen mit Monika Wagner (beantragt).
www.medienbildung.com
Was die Verbesserung der beruflichen Qualifikation von Script-Continuities anbelangt, so wurde zum ersten Mal in Deutschland ein 4-monatiger Lehrgang, bestehend aus 6 Wochenendmodulen für das Filmhaus Hamburg medien und kulturarbeit von mir konzipiert; der Kurs startete 2003.
Alle oben angegebenen Kurse werden von Monika Schopp (Regieassistentin) unter Mitarbeit von Annette Koschmieder (Regieassistentin und Autorin) und Brigitte Bruch (Script-Continuity) geleitet und betreut.
Zur weiteren Information über die angegebenen Weiterbildungskurse wenden Sie sich bitte an Monika Schopp oder Brigitte Bruch oder fordern Sie Informationsmaterial über die Kurse beim Träger direkt an.
(Die Informationen zu diesem Artikel entstammen verschiedenen Diskussionsrunden der Jahresversammlungen 2000 und 2001 der Fachgruppe Regieassistenz und Script-Continuity.)
RegieInformationen April 2002, überarb. Nov. 2003 – Monika Schopp BVR
